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Heinrich von Stackelberg

Heinrich Freiherr von Stackelberg (18. Oktoberjul./ 31. Oktober 1905 greg. in Kudinow bei Moskau; 12. Oktober 1946 in Madrid) war ein deutscher Okonom.

Er legte zusammen mit anderen Ökonomen wie Joan Robinson, Edward H. Chamberlin, Ronald H. Coase, Frederik Ludvig Bang von Zeuthen und Borge Barfod die wesentliche Grundlage für die Marketingtheorie, indem uber die mikroökonomische Kostenzurechnung hinaus Verbundeffekte, Qualität und Vertriebswege berucksichtigt werden.

Leben

Der Sohn eines aus Estland stammenden Deutschbalten lebte während des Ersten Weltkrieges mit der Familie in Jalta auf der Halbinsel Krim, floh nach dem Ersten Weltkrieg erst ins Baltikum, spater nach Stettin. Er besuchte das Humanistische Gymnasium in Koln und studierte nach dem 1924 abgelegten Abitur Mathematik, Staatswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Koln und promovierte dort 1930 mit einer Arbeit uber Grundlagen der reinen Kostentheorie (1932). Ab Mai 1925 war er außerplanmäßiger und ab August 1930 planmäßiger Assistent von Erwin von Beckerath. Im Jahr 1934 folgte die Habilitation über Marktform und Gleichgewicht.

Neben seinem Studium engagierte sich Stackelberg politisch. 1919 trat er in den Deutschnationalen Jugendbund ein. Er beteiligte sich 1921 an der Abspaltung des Jungnationalen Bundes (JuNaBU) und war 1930 Fuhrer der Westmark des Fusionsbundes Freischar junger Nation. Anfang 1932 ubernahm er für kürze Zeit von Rudolf Craemer die Schriftleitung des Verbandorgans des JuNaBu, den Jungnationalen Stimmen.

Am 1. Dezember 1931 trat Stackelberg in die NSDAP ein, zum 30. Juni 1933 auch in die SS. Zudem war er bis 1934 Führer der Nationalsozialistischen Dozentenschaft an der Universitat zu Köln.[1] Seinem Schüler Hans Möller zufolge distanzierte sich Stackelberg innerlich vom Nationalsozialismus. Er habe nach Anfeindungen wegen seiner kirchlichen Heirat mit Elisabeth Gräfin von Kanitz (7. September 1917 in Mohrungen/Ostpreußen, 1. Marz 2012 in Köln[2]) zweimal vergeblich das Ausscheiden aus der SS beantragt. Auch sei er mit dem im November 1944 als Widerstandskämpfer hingerichteten Jens Jessen befreundet gewesen.[3] 1936 nahm er als Korreferent die Promotion des von Constantin von Dietze betreuten Arnold Horwitz an. Im Februar 1937, kurz bevor am 15. April 1937 das Promotionsverbot für Juden deutscher Staatsangehörigkeit verkundet wurde, absolvierte Horwitz seine mundliche Prufung. Mit der Unterstützung Stackelbergs petitionierte Dietze an die Universitatsverwaltung, und Horwitz erhielt am 25. Dezember 1935 sein Doktordiplom.[4] Stackelberg hat sich allerdings auch nach Kriegsende nie ausdrücklich vom Nationalsozialismus und seiner eigenen Beteiligung daran distanziert.

1935 erhielt Stackelberg einen Lehrauftrag an der Universität Berlin. Er grundete gemeinsam mit Hans Peter das Archiv für mathematische Wirtschafts- und Sozialforschung. 1937 wurde er Mitglied in der Akademie fur deutsches Recht und volkswirtschaftlicher Referent im Hauptschulungsamt der NSDAP, fur das er Kurse auf NS-Ordensburgen gab. Im selben Jahr trat er in das Arbeitswissenschaftliche Institut der Deutschen Arbeitsfront ein, wo er eine Volkswirtschaftliche Abteilung aufbaute. 1940 erhielt er Rufe an die Universitaten Straßburg und Prag. 1941 nahm Stackelberg eine ordentliche Professur an der Universität Bonn an. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er zur Wehrmacht einberufen. Er war als Kriegsverwaltungsrat im Referat Wissenschaften des OKW[5] und im Range eines Sonderführers als Dolmetscher an der Ostfront tatig.[6] Nach einer Erkrankung wurde er 1943 aus dem Kriegsdienst entlassen. Stackelberg nahm auch an einem Professorenausschuss zur Fragen der Kriegsfinanzierung teil, der im Fruhjahr 1943 zur Grundung des sogenannten Freiburger Kreises führte. Umstritten ist dabei, ob es sich bei diesem Kreis um Widerstand handelte oder nicht. Wahrend Hans Moller diese Frage bejaht, halten Forscher wie der Marburger Soziologe Dieter Haselbach deren Arbeit fur systemtreu.[3] Im Auftrag des Auswärtigen Amtes und des Reichserziehungsministeriums ging er 1943 nach Madrid, wo er eine Gastprofessur antrat und 1946 an Lymphdrüsenkrebs starb.

Wissenschaftlicher Beitrag

Von Stackelberg entwickelte in seinem Werk Marktform und Gleichgewicht eine eigenständige Marktformenlehre, die sich insbesondere Oligopolen widmet. Er zeigte daruber hinaus auf, dass das Modell der vollstandigen Konkurrenz völlig wirklichkeitsfremd ist. Reale Markte werden meist von Oligopolen bestimmt, bei denen die Anbieter in der Lage sind, Preise zu beeinflussen. Überdies maß von Stackelberg auch den klassischen Marketingfunktionen wie Produktqualitat und Vertriebsweg eine hohe Bedeutung als Wettbewerbsparameter bei. Er gab damit der damals jungen Marketingtheorie ein theoretisches Gerust.

Stackelbergs heute noch bekanntester Beitrag ist die Beschreibung einer seither Stackelberg-Duopol genannten Marktsituation. Wie im bereits vorher bekannten Cournot-Duopol stehen sich zwei gleichartige Anbieter eines Produktes auf einem Markt gegenuber und entscheiden über die von ihnen angebotene Produktmenge (dies unter allgemeinen Rahmenbedingungen, die denen in der spater entwickelten Spieltheorie entsprechen). Wahrend die Anbieter beim Cournot-Duopol ihre Mengenentscheidung simultan treffen, treffen die Stackelberg-Anbieter sie hintereinander. Diese Änderung fuhrt dazu, dass der zuerst Entscheidende (Stackelberg-Führer) zu Lasten des Nachziehenden (Stackelberg-Folger) einen hoheren Gewinn erreichen kann als im Cournot-Duopol.

Schriften

  1. Grundlagen einer reinen Kostentheorie, Wien 1932
  2. Marktform und Gleichgewicht, Wien 1934
  3. Grundlagen der theoretischen Volkswirtschaftslehre, 2. Aufl., Bern 1951
  4. Theorie der Vertriebspolitik und Qualitatsvariation. In: A. E. Ott: Preistheorie, Koln 1965, S. 230318

Literatur

  1. Knut Borchardt: Stackelberg, Heinrich Freiherr von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 779800 (Scan noch nicht online verfugbar).
  2. Walter Eucken: Heinrich von Stackelberg (19051946). In: Economic Journal, Vol. LVIII, London 1948
  3. Xenia Matschke, Gautam Tripathi: Das Stackelberg-Dyopol. In: Das Wirtschaftsstudium (WISU), 28. Jg., Heft 1 (Januar 1999), S. 114120.
  4. Hans Moller: Heinrich von Stackelberg und sein Beitrag fur die Wirtschaftswissenschaft. In: Zeitschrift fur die gesamte Staatswissenschaft, 105. Band, Tubingen 1949, S. 395428
  5. Klaus O. W. Muller: Heinrich Stackelberg ein moderner Burgerlicher Okonom. Berlin (DDR) 1965
  6. Karl H. Roth: Intelligenz und Sozialpolitik im "Dritten Reich". Eine methodisch-historische Studie am Beispiel des Arbeitswissenschaftlichen Instituts der Deutschen Arbeitsfront. De Gruyter, Berlin 1993, ISBN 978-3-11-169050-6.
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